Der Wind schmeckt nach Salz. Er streift durch meine Haare, während ich am Anfang des Trails stehe und in die Weite blicke. Vor mir erstreckt sich die King George Sound, das Wasser schimmert. Ich atme tief durch. Irgendwas an diesem Ort fühlt sich anders an. Als würde er eine Geschichte erzählen, die älter ist als alles, was ich kenne.
Der Pfad vor uns schlängelt sich durch knorriges Buschland, taucht hinab zu einsamen Stränden, klettert über Felsen, die vom Meer abgeschliffen wurden. Die Füße knirschen im Sand, während wir den Klippen entgegenlaufen. Die Luft ist klar, der Ozean rauscht, und irgendwo in der Ferne kreischt ein Vogel. Dann, wie aus dem Nichts, blitzen sie auf – Delfine. Sie ziehen ruhig durchs Wasser, tauchen auf und verschwinden wieder. Einfach da, einfach hier. So wie seit Tausenden von Jahren.
Wir bleiben stehen, spüren die Stille. Und dann die Stimmen, die hier vor uns waren.



Die Noongar – Die ersten Fußspuren
Lange bevor die ersten Segel am Horizont auftauchten, lebten die Noongar hier. Sie jagten, fischten, sammelten, zogen weiter, ließen kaum Spuren zurück. Denn das Land gehört niemandem. Oder vielmehr – die Menschen gehören dem Land.
Ich stelle mir vor, wie sie hier saßen, ihr Lager aufschlugen, den Geschichten der Alten lauschten. Wie sie nachts in den Himmel blickten, ihre Ahnen in den Sternen sahen, während das Feuer knisterte. Vielleicht genau hier, wo ich gerade stehe.
Heute findet man noch Überreste – alte Lagerstätten, versteinerte Feuerstellen, Artefakte, die erzählen, ohne Worte zu brauchen. Es ist eine Welt, die fast verschwunden ist, aber noch immer in der Erde schläft. Man muss nur hinsehen.

Dann kamen die Segel – und mit ihnen eine andere Zeit
1791
Ein britisches Schiff gleitet durch die Bucht. George Vancouver betritt das Land, schlägt eine Flagge in den Boden, erklärt es zum Besitz des britischen Empires. Niemand fragt die Noongar. Niemand fragt überhaupt.
Ich sehe ihn vor mir, wie er auf die Weite blickt, sich das Land einverleibt, während irgendwo in der Ferne jemand zusieht. Vielleicht ein Noongar, der spürt, dass etwas zu Ende geht, noch bevor es richtig begonnen hat.


Point Possession
Ein Name, der schwer auf der Zunge liegt, wenn man weiß, was er bedeutet. „Besetzungspunkt“ – als könnte man ein Stück Erde einfach nehmen, als würden ein paar Worte und eine Flagge ausreichen, um ein Land zu jemandes Eigentum zu machen.
Doch das Land gehörte nie irgendwem. Es war immer da. Für die Noongar war es kein Besitz, sondern ein lebendiger Organismus. Eine Verbindung, die nicht in Verträgen oder Grenzen existierte, sondern in der Luft, im Wasser, im Wind. Man nahm nichts, man war ein Teil davon. Das Land gab, und man gab zurück. Kein „Mein“, kein „Dein“ – nur ein gemeinsames Sein.
Und doch kam ein Schiff, legte an, ein Mann ging an Land, sprach ein paar Worte – und plötzlich war das hier britisches Territorium.
Heute erinnert der Name an diesen Moment. Daran, wie unterschiedlich zwei Welten auf dasselbe Stück Erde blickten. Die eine mit Landkarten, die andere mit Geschichten. Die eine mit Besitzansprüchen, die andere mit Verantwortung.
Und während die Wellen ungerührt weiter an die Küste rollen, bleibt die Frage: Kann man etwas wirklich besitzen, das immer größer sein wird als man selbst?
Von Walen, Schiffen und dem, was bleibt
Albany wurde die erste europäische Siedlung in Western Australia. Ein Hafen für Händler, für Seefahrer, für Suchende. Wale wurden hier gejagt, Schiffe beladen, das Meer durchpflügt auf der Jagd nach Reichtum.
Doch Point Possession blieb. Es steht noch immer hier, still und unbeirrt, während die Welt um es herum sich weiterdreht.
Wir folgen dem Trail bis zur Spitze. Von hier aus sieht die Welt unendlich aus. Das Meer breitet sich aus wie ein Versprechen, ungebrochen und ewig. Die Wellen rollen gleichmäßig an die Küste, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie waren hier, lange bevor der erste Mensch seinen Fuß in den Sand setzte. Sie werden hier sein, lange nachdem wir fort sind.
Wir atmen tief ein. Die Luft ist erfüllt von Salz, von Wind, von Zeit. Unter unseren Füßen ragen Felsen aus dem Boden, zerklüftet von Jahrhunderten, geformt von Gezeiten, Zeugen all dessen, was hier geschehen ist. Und während der Wind über die Klippen streicht, flüstert er Geschichten von früher. Von Noongar-Jägern, die barfuß durch den Sand liefen, von britischen Seefahrern, die ihre Flaggen hissten, von Walen, die einst durch diese Gewässer zogen.
Ein Möwenruf zerreißt die Stille. Wir blicken aufs Wasser, auf das unendliche Blau, das sich mit dem Himmel vereint. Vielleicht ist es genau das, was Point Possession so besonders macht – dieser Hauch von Ewigkeit. Dieses Gefühl, dass manche Orte nicht einfach nur existieren, sondern eine Seele haben.




Es gibt Orte, die dich verändern. Die dich daran erinnern, dass wir nur für einen Wimpernschlag hier sind.
Point Possession ist einer davon.
Wow!
Liebe Patri, was für eine Hommage an die Zeit!
Wir sind in der Tat nur ein Wimpernschlag und vergessen, es gibt noch ein Danach!
Alles Liebe, Sepp