Es gibt diese Momente, in denen die Welt plötzlich einen Gang runterschaltet. Kein Stadtlärm, kein hektisches Treiben, nur die endlose Weite Australiens, die sich vor einem ausbreitet. So fühlte es sich an, als wir auf der größten Schafzuchtfarm in Westaustralien, Broomehill ankamen. Die Erde unter unseren Füßen so rot, dass es fast surreal wirkte, die Luft trocken und voller Versprechen. Hier würden wir die nächsten fünf Tage verbringen – mitten im Nirgendwo, mitten im Abenteuer.
Das Leben auf der Farm
Jeder Tag begann mit dem Öffnen des Hühnerstalls. Schon bevor wir die Tür öffneten, spürten wir ihre aufgeregte Präsenz, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich ins Freie zu dürfen. Ihre kleinen Krallen scharrten über den staubigen Boden, flatternd rannten sie in alle Richtungen – auf der Suche nach Freiheit, nach Futter, nach dem nächsten Abenteuer.
Mike hatte derweil eine andere Aufgabe: die Eier einsammeln. Klingt einfach, oder? Wäre da nicht das ständige Gefühl, dass sich zwischen den warmen Eiern auch eine kalte, schlängelnde Überraschung verbergen könnte. Jeder Griff ins Nest wurde zur Mutprobe. Bis jetzt war keine Schlange aufgetaucht – aber wer weiß schon, was morgen ist?
Abends wiederholte sich das Ritual. Die Hühner sammelten sich von selbst, wohlwissend, dass im Stall frisches Futter auf sie wartete. Sie folgten uns, als wüssten sie, dass das Leben hier aus genau diesen kleinen Rhythmen besteht. Einatmen, ausatmen. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Das Leben auf einer Farm hat seine eigene Zeitrechnung.


Neben den Hühnern hatten wir viel Spaß mit den zwei Hunden und der Katze. Uns um die Tiere zu kümmern, mit ihnen zu spielen, zu kuscheln und mit ihnen Gassi zu gehen, hat uns gezeigt, wie schön die Gesellschaft von Tieren ist. Wir haben jede Minute mit ihnen genossen, denn unser Lebensstil erlaubt es uns nicht, selbst Tiere zu haben. Ihre treuen Blicke, ihre bedingungslose Freude über unsere Aufmerksamkeit – es war eine Erinnerung daran, wie bereichernd das Zusammenleben mit Tieren sein kann.




Was wir allerdings absolut nicht mochten, waren die vielen Fliegen. Sie waren überall – auf unserer Haut, in unseren Haaren und manchmal sogar in unseren Mündern. Es war fast unmöglich, eine Mahlzeit zu genießen oder spazieren zu gehen ohne ständig mit der Hand zu wedeln oder sie aus unseren Gesichtern zu verscheuchen. Diese kleinen Plagegeister machten uns das Leben schwer. Die Wildnis Australiens besteht nicht nur aus majestätischen Landschaften, sondern auch aus hartnäckigen, summenden Mitbewohnern.


Die atemberaubende Landschaft
Die Landschaft um uns herum war ein wildes Gemälde aus offenen Feldern, gewundenen Bächen und dieser unermesslichen Weite, die Australien so einzigartig macht. Die Felder um uns herum schienen endlos. Weideflächen erstreckten sich bis zum Horizont, nur unterbrochen von vereinzelten Bäumen, die sich im heißen Wind bogen. Die Erde war trocken und staubig, und doch blühte hier und da widerstandsfähige Vegetation, die sich an die harten Bedingungen angepasst hatte.
Am Morgen hüllte sich die Welt in einen goldenen Schleier. Nebelschwaden schwebten über den Bächen, während die Sonne langsam ihren Weg an den Himmel fand. Das entfernte Blöken der Schafe mischte sich mit dem Ruf der Vögel – eine Symphonie der Natur, unaufgeregt und doch voller Leben.
Nachts zeigte sich ein anderes Spektakel. Der Himmel, so klar und weit, dass er alles um uns herum bedeutungslos erscheinen ließ. Sterne, so zahlreich, dass sie den Himmel in ein funkelndes Meer verwandelten. Und wir, winzig klein unter diesem endlosen Universum.



Ein unerwartetes Abenteuer mit Kängurus
Eigentlich wollten wir nur zum Stirling Nationalpark. Doch Australien hatte andere Pläne. Der Tank fast leer, die nächste Tankstelle – geschlossen. Plötzlich stand nicht mehr die Natur im Fokus, sondern eine einfache Frage: Reicht das Benzin, um zurückzukommen?
Google Maps wurde unser bester Freund und unser größter Feind zugleich. Berechnungen, Mutmaßungen, schwitzige Hände. Und dann – ein Moment, so australisch, dass es fast ins Klischee passte: Kängurus. Sie tauchten einfach auf, hoppelten seelenruhig über die Felder, als wäre nichts gewesen. Während wir uns Gedanken über Benzin machten, lebte die Natur einfach weiter. Ein unerwartetes Geschenk inmitten unserer kleinen Panik.



Durch den Stirling Nationalpark nach Albany
Am Ende schafften wir es doch. Ein paar Tage später, auf dem Weg nach Albany, führte unser Weg endlich durch den Stirling Nationalpark. Die Felsen ragten wie stumme Wächter in den Himmel, die Straßen schlängelten sich durch unberührte Natur. Die raue Schönheit dieses Ortes machte uns still. Hier war alles so viel größer als wir – eine Erinnerung daran, wie klein unsere Sorgen im Vergleich zur endlosen Wildnis Australiens waren.




Ein unvergessliches Abenteuer
Fünf Tage auf einer Farm, fünf Tage zwischen Staub, Tieren und der unermesslichen Weite. Es war nicht nur eine Reise – es war ein Eintauchen in ein anderes Leben. Ein Leben, in dem der Rhythmus der Natur den Takt vorgibt, in dem jeder Sonnenaufgang ein Versprechen ist und jeder Sonnenuntergang eine Erinnerung daran, dass wir nur Gäste sind in dieser unbändigen Welt. Vielleicht liegt genau darin die Magie des Reisens: sich immer wieder neu zu finden – zwischen Schafen, staubigen Wegen und dem wilden Herzschlag Australiens.
Liebe Patri,
wieder ein so wunderbar poetischer Bericht! Ich bin ganz verzückt!
XXX Sepp