Mein Vater erzählt uns immer sehr gerne Geschichten aus seiner Kindheit, wie er aufgewachsen ist, wie er Mama kennengelernt hat usw.. Es gab jedoch eine ganz spezielle Geschichte, die immer während des Essens für Gesprächsstoff sorgte:
Seine Lieblingsgeschichte war es uns immer wieder zu erzählen, dass sein Vater, also mein Opa, in Brasilien geboren wurde, in einem Ort namens Tambaku! Er hat nie genau gewusst, wie seine Großeltern, meine Urgroßeltern, nach Brasilien gereist sind und was sie dort gemacht haben. Er kannte nur Bruchstücke der Geschichte, weil er leider früher nie speziell mit seinem Vater über diese Zeit gesprochen hat und das bedauert er bis heute. Er hat sich gemerkt, dass mein Opa in Tambaku geboren wurde und immer beendet er diese Geschichte mit den Worten “davon werdet ihr noch euren Kindern erzählen”.
Jetzt bin ich mit Mike seit längerem in Brasilien unterwegs und wir haben bereits vieles gesehen, aber ein Ort ist noch offen. Dieser bestimmte Ort, der sowohl in meiner Kindheit als auch bis heute immer wieder erwähnt wurde und in dem so viel Unbekanntes steckt, hat sich unauslöschlich in meinem Gedächtnis verankert: Tambaku! “Ich muss dorthin”, sagte ich zu Mike, also begann ich zu recherchieren. Meine Onlinesuche ergab für Tambaku keine Treffer…”da stimmt was nicht”, dachte ich. “Das kann nicht stimmen, es muss diesen Ort doch geben”…aber ich ließ mich nicht davon abhalten nach São Paulo zu reisen und meine Recherche von dort aus fortzusetzen. Mein Entschluss beruhte auf der Erkenntnis, dass São Paulo eine Stadt von vielfältiger Kultur ist und in der Vergangenheit zahlreiche Menschen in die Metropole gezogen sind.
São Paulo
Diese Stadt ist die größte Brasiliens und das wichtigste Wirtschafts-, Finanz- und Kulturzentrum des Landes. Hier leben mehr als 12 Millionen Menschen und die Stadt ist durch zahlreiche Einwanderer multikulturell geprägt.



Während einer Walking-Tour in Rio de Janeiro, die Mike und ich unternommen haben, um mehr über Rio sowie die Geschichte Brasiliens zu erfahren, haben wir gelernt, dass Brasilien im Jahre 1888 die Sklaverei abgeschafft hat und infolgedessen eine ganz spezielle Einwanderungspolitik gestartet hat. Diese Einwanderungspolitik trug dazu bei, dass nach der Beendigung der Sklaverei überwiegend Italiener ins Land gekommen sind. Die Kaffeeplantagen sollten dadurch genügend Arbeitskräfte haben. Mehrere Hunderttausend Europäer, Japaner und Libanesen wanderten zwischen den Jahren 1886 und 1905 ein und arbeiteten vorwiegend auf Kaffeeplantagen. So auch meine Urgroßeltern!
Um dieser Spur zu folgen, haben Mike und ich das “Museu da Imigração” (Immigrationmuseum) in São Paulo besichtigt. Das Museum diente früher als Herberge für Einwanderer. Hier mussten alle Einwanderer zuerst hin, um sich zu registrieren. Also mussten meine Urgroßeltern auch hier gewesen sein. Ich war aufgeregt, als wir das Museum betraten und der Gedanke, dass ich mich auf dem Pfad meiner Urgroßeltern befand, ließ mein Herz höher schlagen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl für mich und ich machte mich sofort an die Recherche.

Dieser historische Ort hat früher Einwanderer beherbergt, bis sie ihr endgültiges Ziel (eine Region in Brasilien) erreichten. Das Museum strahlt Geschichte aus und man bekommt das Gefühl, mittendrin zu sein. Sehr beeindruckend ist eine riesige Wand aus Holz, auf der ein Teil der Namen von Einwandererfamilien eingraviert ist. Mike und ich standen wahrscheinlich 2 Stunden vor dieser großen Wand und haben versucht, den Namen “Rizzello” zu finden. Aber es war nicht so einfach und wir konnten den Namen nicht herausfiltern. Nur die Namen ‚Rizzetto‘ und ‚ Rizoli‘ konnten wir herauslesen, jedoch nicht unseren Familiennamen. Ich war etwas traurig darüber, aber wir waren mit dem Rundgang im Museum lange nicht fertig und ich hatte noch Hoffnung, Beweise zu finden.


In einer Nachbildung der damaligen Schlafsäle, war ebenfalls ein Registrierungsbuch, das handschriftlich geführt wurde und alle Namen jeglicher Personen beinhaltete, die nach São Paulo eingewandert sind. Zu unserem Glück wurden alle Bücher digitalisiert und in der Museumsbibliothek hatte man die Möglichkeit digital nach seinen Vorfahren zu suchen. Mein Herz pochte wieder schneller und ich war voller Hoffnung! Also haben wir natürlich in der Bibliothek die Recherche gestartet! Zu unserem Bedauern, war weder der Name “Rizzello” noch “Ippazio” (so hieß mein Urgroßvater) aufzufinden. Die Hoffnung verschwand wieder so langsam und ich war ziemlich niedergeschlagen und traurig zugleich.

“Stimmt die Geschichte etwa nicht?” fragte ich mich. Das konnte doch nicht sein! Es musste doch etwas zu finden sein, etwas das beweist, dass meine Urgroßeltern genau hier gewesen sind, wo ich mich zurzeit befinde, soweit weg von zu Hause!
Ich suchte weiter und tatsächlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, fand ich die eingescannte Originalseite mit allen Details meiner Urgroßeltern! Natürlich hatte sich jemand bei der Digitalisierung der Unterlagen vertippt! The story of my life! Mein Urgroßvater wurde als “Ippazio Rizello” digital festgehalten und meine Urgroßmutter als „Adelaide Bonforte“. Die handschriftliche Originalunterlage zeigte uns, dass es sich tatsächlich um meine Urgroßeltern handelte, die im Jahre 1902 nach São Paulo eingewandert sind und nach Tambaú (nicht Tambaku!) weitergereist sind, um als Farmer dort zu arbeiten!



Das war so ein tolles Gefühl und diese Bestätigung umso schöner! Ich war sehr glücklich und der nächste Schritt stand sofort fest: die Buchung unserer Bustickets nach Tambaú! What else?
Tambaú
Eine Woche nach unserer Entdeckung, saßen wir im Bus von São Paulo nach Tambaú. Die Fahrt dauerte ca. 5 Stunden und ich freute mich auf die nächsten Tage. Wir übernachteten in einer süßen Pousada (Gasthaus) in Casa Branca, denn wir haben in Tambaú leider keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Die Familie empfing uns regelrecht mit offenen Armen und war sehr glücklich über das italienisch/deutsche Pärchen. In dieser Gegend sind Ausländer sog. „gringos”, nämlich eine Seltenheit. Die Pousada lag 20 Autominuten von Tambaú entfernt und war umgeben von einem großen Garten, mit vielen Obstbäumen, Palmen und es gab ebenfalls viele Relaxzonen. Wir fühlten uns vom ersten Moment an wohl und die Familie verwöhnte uns bereits bei der Ankunft mit einem kalten Bier (für Mike) sowie Obst und selbstgemachtem Saft. “Yes, alles richtig gemacht”, dachte ich.
Da es bereits Abend war, als wir in Casa Branca ankamen, entschieden wir uns früh schlafen zu gehen und am nächsten Tag Tambaú zu erkunden.
Meine Urgroßeltern kamen 1902 nach Tambaú und arbeiteten einige Jahre lang auf einer Farm. Zu der Zeit erlebte der Ort einen Aufschwung in der landwirtschaftlichen Produktion, insbesondere im Bereich des Kaffeeanbaus. Die Kaffeeproduktion war nicht nur für Tambaú von entscheidender Bedeutung, sondern auch für ganz Brasilien.
Im Jahre 1908 wurde mein Opa in Tambaú geboren und er war noch ein Kleinkind, als die Familie wieder nach Italien zurückkehrte.
Mike und ich lernten Tambaú als eine sehr gastfreundliche Stadt kennen. Wahrscheinlich ist ein Grund hierfür auch, dass die Bewohner keine Touristen gewohnt sind und wir daher auffielen, als wir durch die Stadt schlenderten und uns alles anschauten.


Um die Freundlichkeit der Bewohner näher zu beschreiben, sind mir zwei bestimmte Taten im Gedächtnis geblieben: Mike und ich waren durstig und gingen in einen Imbiss, um Wasser zu kaufen. Die Gäste, die ebenfalls dort waren, fragten uns, woher wir kamen und was wir ausgerechnet in Tambaú machten; also erzählte ich meine Geschichte. Dann passierte etwas, womit wir absolut nicht gerechnet hatten: die Inhaberin, die zugehört hatte, griff ohne Vorwarnung zu ihrem Telefon und rief im Rathaus an, um herauszufinden, ob die Farm in der mein Urgroßvater gearbeitet hatte, noch existierte. Leider gab es die Farm nicht mehr und die Familie konnte auch nicht ausfindig gemacht werden, aber das war nicht schlimm. Diese Geste war für mich so unerwartet und bereitete mir sehr viel Freude. So etwas hatte ich sonst noch nicht erlebt.
Da wir die Farm nicht mehr auffinden konnten, schlenderten Mike und ich durch den alten Bahnhof und beschlossen ganz spontan und ohne Zögern, meinem Familiennamen dort zu verewigen.





Die zweite unerwartete und schöne Situation ergab sich am Ende unseres Tages in einem Café. Die Besitzerin begrüßte uns und fragte ebenfalls, woher wir seien. Als sie hörte, dass wir aus Italien und Deutschland kamen, konnte sie nicht glauben, dass wir zwei einfach so in ihrem Café hereinspaziert waren, um dort einen Eiskaffee zu trinken. Sie machte Fotos von uns und schenkte uns ebenfalls zwei Kaffeebecher als Erinnerung und bat uns, jederzeit wieder vorbeizuschauen.
Wir hatten noch einige solcher Erfahrungen im Supermarkt, in einem Elektrogeschäft sowie mit Taxifahrern. Alle empfingen uns mit Freundlichkeit, Großzügigkeit und einem breiten Lächeln; das war für uns das Größte!
Fremde Menschen, die uns so begegneten, machten unseren Aufenthalt unvergesslich.
Mit dieser Reise bin ich nicht nur meinen Vorfahren nähergekommen und habe mehr über unsere Familiengeschichte gelernt, sondern auch all diese freundlichen Menschen, die sich auf meinem Weg befanden, haben mir wunderschöne Erinnerungen geschenkt. Diese Erfahrungen sowie diesen besonderen Teil meiner Familiengeschichte werde ich nun in meinem Herzen tragen und (eventuell) meinen Kindern erzählen. Zumindest werde ich all dies meiner Nichte auf ihrem Weg mitgeben.
Sei stata molto brava A descriverlo Grazie di averlo fatto sei bravissima Come sempre ti Ti vogliamo bene mamma e papà
Grazie mamma, grazie papà! Vi voglio tanto bene!
Liebe Patri,
das Auffinden der Vergangenheit deiner Familie väterlicherseits wird besonders für deinen Vater ein großes Geschenk sein. Das wird für ihn deinen Weg, den du jetzt lebst, mit positiveren Augen sehen lassen.
Ich freue mich für deinen Erfolg im Forschen!
Alles Liebe und eine gute zeit für euch beide,
Sepp